26.07.2017

Trügerischer Schulterschluss

Schulterverletzungen gehören zu den häufigen Unfallfolgen. Doch hier gilt es, besonders sorgfältig festzustellen, ob die Gelenke vielleicht schon vor dem Unglück in Mitleidenschaft gezogen waren. Denn vor allem bei über 60-Jährigen ist dies häufig der Fall. Eine Kürzung der Invaliditätsentschädigung ist aber auch dann nur unter bestimmten Voraussetzungen möglich.

Von Prof. Dr. med. Harald Meier, Leiter des Instituts für Medizinische Begutachtung bei ACTINEO

Immer wieder kommt es bei Unfällen zu Schulterverletzungen, die zu Invalidität führen. Kann der Geschädigte diese Kausalität nachweisen, besteht ein Leistungsanspruch gegenüber der Versicherung des Verursachers. Klaglos zahlen sollte der Versicherer aber nicht. Denn: Bei der Begutachtung von Schulterverletzungen bei über 60 Jahre alten Geschädigten tritt in mehr als 70 Prozent der Fälle ein unfallfremder, degenerativer Vorschaden zutage. Sehnenrupturen, Teilrupturen, das Impingement-Syndrom (Engpass-Syndrom) und Chondromalazie (Erweichung von Gelenkknorpel) etwa gehören zu den häufigen Vorerkrankungen. Zu einer Kürzung der Invaliditätsentschädigung führen unfallfremde Vorschäden wie diese aber nur dann, wenn sie bereits vor dem Unfall behandlungsbedürftig waren oder zur Funktionsbeeinträchtigung des Schultergelenkes geführt haben.

Nachweis unfallfremder Vorschäden

Und hier liegt die Krux: Den Nachweis darüber hat die Versicherung zu erbringen. Dies festzustellen ist nicht einfach und erfordert eine umfangreiche Begutachtung des Geschädigten. Die unfallbedingte Verletzungsfolge sowie unfallfremde Schulterläsionen wie eventuelle Verletzungen, Erkrankungen und Behandlungen der Schulter vor dem Unfallereignis müssen genau unter die Lupe genommen werden. Um diesen Spagat zwischen dem klinisch-morphologischen Nachweis der degenerativen Schulterläsion und den bereits erfolgten Behandlungsmaßnahmen zu meistern, sind umfassende Maßnahmen zur Beschaffung von Befundberichten, histologischen Ergebnissen und Analysen von bildgebenden Verfahren erforderlich. Dazu gehören:

• Anamnese mit Hinweis auf frühere Unfälle, Operationen, ambulante Nachbehandlungen, mögliche ambulante und stationäre Reha-Maßnahmen, medikamentöse Therapien
• Röntgenbefunde zum Frakturnachweis, MRT-Untersuchung mit Beurteilung der Knorpelsituation, der Sehnenläsionen, Kapselläsionen, Ergussbildung, MRT, CT, Sonografie, PET-CT
• Operationsberichte bei Schultereingriffen vor dem Unfallereignis                                                                                                                                            

Weitere Untersuchungen eventuell ratsam

Kann aufgrund der umfassenden gutachterlichen Dokumentation belegt werden, dass bereits vor dem Unfallereignis ein degenerativer Vorschaden bestand, der behandlungsbedürftig war beziehungsweise zu Funktionsbeeinträchtigungen geführt hat, berechtigt dieser Befund zu einer Kürzung der Invaliditätsentschädigung. Reichen diese Maßnahmen für den Nachweis allein nicht aus, ist es ratsam, weitere Untersuchungen des Schultergelenks durchzuführen, um den Zusammenhang zwischen nachgewiesenen Vorschäden des Schultergelenkes und bereits stattgefundenen Behandlungsmaßnahmen herzustellen. Zusammenfassend ist festzuhalten:

• Der Nachweis der Kausalität von Unfallereignis und Invalidität genügt für eine Begründung des Leistungsanspruchs.
• Eine Kürzung der Invaliditätsentschädigung aufgrund eines unfallfremden Vorschadens ist nur möglich, wenn dieser bereits vor dem Unfall behandlungsbedürftig war oder zur Funktionsbeeinträchtigung des Schultergelenkes geführt hat.
• Besteht ein Ansatz zur Kürzung der Leistungsansprüche (Ziffer 3, AUB 2008), hat die Versicherung den Nachweis der Mitwirkung von „bestehenden Krankheiten oder Gebrechen“ an der verursachten Gesundheitsschädigung oder deren Folge zu erbringen.
• Degenerative Vorschäden liegen häufig im Bereich der Gelenke vor. Der Verschleiß schädigt dort Knochen, Knorpel, Sehnen, Gelenkkapseln und Schleimbeutel.
• Unfallfremde Vorschäden werden anhand von gutachterlichen Beurteilungen analysiert. //

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