26.11.2019

Psychische Traumata nach Unfällen

Von Dr. Susann Seddigh, Chefärztin der Klinik für Neurologie und Psychotraumatologie, BG Klinikum Duisburg

Unfälle gehören, wie Industrie- und Naturkatastrophen und zwischenmenschliche Gewalt, für Menschen in modernen Gesellschaften zu den Risiken, eine Traumatisierung zu erleiden. Nach einem Verkehrs- oder anderen Unfall erleiden etwa 15 Prozent der Geschädigten nicht nur einen körperlichen Schaden, sondern auch ein psychisches Trauma. Ob die Symptome nun unmittelbar nach dem Ereignis oder mit zeitlicher Verzögerung auftreten: Psychische Traumafolgestörungen spielen im Personenschaden eine erhebliche Rolle. Dies gilt vor allem, wenn das Trauma nicht nur zu einer vorübergehenden, sondern sogar zu einer dauerhaften Störung führt.

Zu den psychischen Traumafolgestörungen im engeren Sinne zählen die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) sowie Anpassungsstörungen und die Persönlichkeitsveränderung nach Extrembelastungen. Auch andere psychische Störungen wie spezifische Phobien, Depressionen oder Schmerzstörungen können durch ein Trauma und die Folgeschäden an Leib und Seele ausgelöst werden. Dabei besteht das Risiko, dass vorbestehende psychische Störungen reaktiviert oder verschlimmert werden.

Das Risiko, eine posttraumatische Belastungsstörung zu entwickeln, ist für Opfer von Gewaltverbrechen mit bis zu 50 Prozent am höchsten. Verkehrsunfälle mit Personenschäden führen bei circa 15 Prozent der Betroffenen zu psychischen Störungen.

Das Trauma

Ein Trauma ist ein äußeres Ereignis mit intensivem oder existenziellem Bedrohungscharakter. Entscheidend dabei ist, dass die beiden elementaren Handlungsoptionen Flucht und Kampf in der Situation nicht zur Verfügung stehen, woraus eine Diskrepanz zwischen der Bedrohlichkeit der Situation und den eigenen Handlungsoptionen resultiert. Die Folge sind Empfindungen wie massive Angst, Panik oder Derealisation mit einer Erschütterung des eigenen Welt- und Selbstbildes.

Auch bis dahin völlig gesunde Menschen können psychische Traumata erfahren. Das Risiko, eine posttraumatische psychische Störung zu entwickeln, wird dabei durch schützende, aber auch durch belastende Faktoren beeinflusst. Neben der persönlichen Vulnerabilität stellen ein beeinträchtigtes psychisches Befinden zum Zeitpunkt des Ereignisses und auch psychiatrische und körperliche Vorerkrankungen Risikofaktoren dar. Tragfähige Beziehungen und ein stabiles soziales Umfeld wirken sich dagegen schützend aus. Bei einer gelungenen Anpassung an das Erlebte sprechen wir von Resilienz.

Die Systematik psychoreaktiver Störungen

Die erste unmittelbare Reaktion des Organismus auf ein traumatisches Ereignis ist die akute Belastungsreaktion als Ausdruck heftigen Stresses. Diese lässt sich auch als Mechanismus des Organismus zur Bewältigung des Erlebten charakterisieren. Es finden sich Symptome, wie sie auch bei der PTBS zu finden sind, nur weniger stark ausgeprägt und mit rascher Rückbildungstendenz innerhalb weniger Tage bis zu einem Monat.

Nach einem schwerwiegenden Trauma kann sich eine PTBS entwickeln. Die Diagnosesicherung erfolgt mithilfe operationalisierter Diagnosekriterien aus dem Diagnosemanual ICD-10 der WHO oder dem DSM-5 der US-amerikanischen psychiatrischen Gesellschaft. Nach der ICD-10 entwickelt sich die Symptomatik innerhalb der ersten sechs Monate nach einem Ereignis außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophalen Ausmaßes, das bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung auslösen würde (sogenanntes A-Kriterium). Klinische Symptome setzen sich aus drei Clustern zusammen: dem Wiedererleben der Unfallaspekte auf verschiedenen Wahrnehmungsebenen, Übererregungssymptomatiken wie Schlafstörungen, Schreckhaftigkeit oder Reizbarkeit sowie einem gedanklichen, emotionalen und konkreten Vermeidungsverhalten.

In der Mehrzahl der Fälle kommt es unter der Therapie zu einer zunehmenden Abschwächung der Symptomatik und zu einer Ausheilung durchschnittlich innerhalb von 36 Monaten. Die Therapie der Wahl ist die Psychotherapie unter Einbeziehung spezieller Traumatechniken. Steht in der Akutphase die Stabilisierung im Vordergrund, folgen in weiteren Behandlungsphasen die Auseinandersetzung mit dem Unfallgeschehen in der Erinnerung und die Expositionstherapie.

In der gutachterlichen Beurteilung sind insbesondere ein hinreichend gravierendes Trauma (A-Kriterium) sowie die Kernsymptome Wiedererleben und Vermeidungsverhalten zu fordern, da viele Symptome der PTBS auch bei anderen psychischen Störungen auftreten können und somit unspezifisch sind.

Durch Unfalltraumata können auch Anpassungsstörungen ausgelöst werden, wie sie ebenfalls nach Ereignissen wie Arbeitsplatzverlust, Erkrankung oder Verlust eines nahen Angehörigen auftreten. Im Vordergrund stehen hier eine depressive oder ängstliche Gestimmtheit leichten Ausmaßes und eine Änderung des Sozialverhaltens. Die Symptome dauern zwischen sechs Monate und zwei Jahre an, heilen aber vollständig aus.

Zu den weiter gefassten posttraumatischen psychoreaktiven Störungen zählen spezifische Phobien, zum Beispiel Ängste vor dem Autofahren nach Verkehrsunfällen. Sie lassen sich in der Regel durch eine Verhaltenstherapie gut behandeln. Gehen Unfälle mit gravierenden körperlichen Verletzungen oder einem komplizierten Heilverlauf einher, kann auch dies psychoreaktive Störungen auslösen.

Begutachtung psychoreaktiver Störungen

Häufig wird die Begutachtung psychischer Unfallfolgen erforderlich, da Ansprüche in den verschiedenen Rechtsbereichen einzuschätzen sind. Grundlegend hierfür ist eine ausführliche Anamneseerhebung durch eine/n erfahrene/n Gutachter/in, die unter Zuhilfenahme strukturierter Interviews und psychologischer Testverfahren erfolgen kann. Dabei sollte eine gravierende psychische Symptomatik wie eine massive Furcht oder eine körperliche Verletzung im nahen zeitlichen Zusammenhang mit dem Unfall bestanden haben.

Entwickelt sich im Verlauf eine relevante psychische Störung, die mit überwiegender Wahrscheinlichkeit durch den Unfall ausgelöst wurde, muss der Gutachter die resultierenden Funktionsbeeinträchtigungen in Alltag oder Berufsleben einschätzen. Auch wenn vorbestehende psychische Erkrankungen nicht prinzipiell einen positiv zu beurteilenden Unfallzusammenhang ausschließen, müssen konkurrierende Faktoren wie Persönlichkeitsanlagen, psychische Vorerkrankungen oder sich verselbstständigende Krankheitsverläufe in ihrer Relevanz eingeschätzt werden. ///

Dr. med. Susann Seddigh ist seit 2016 Chefärztin der Klinik für Neurologie und Psychotraumatologie am BG Klinikum Duisburg. Ihre Tätigkeitsschwerpunkte sind die Bereiche neuropathische Schmerzen, Elektrophysiologie und Ultraschall bei Nervenläsionen sowie Psychotraumatologie und Neurorehabilitation nach Schädel- Hirn-Trauma. www.bg-klinikum-duisburg.de

Foto: Iaroslav Neliubov/123rf.com