20.06.2018

Neurologische Untersuchungen bei Dauerschäden

Bestehen Zweifel, ob eine Sensibilitätsstörung im Bereich der Hand die Folge eines Schleudertraumas oder unfallunabhängig – zum Beispiel durch ein Karpaltunnelsyndrom – bedingt ist? Ist die Konzentrationsstörung wirklich auf ein leichtgradiges Schädelhirntrauma zurückzuführen? In einem Fachbeitrag für das ACTINEO-Kundenmagazin AM PULS erläutert der Kölner Neurologe Dr. Marius Fischer, wie diese und viele andere Fragen durch eine strukturierte neurologische Begutachtung geklärt werden können.

Eine erste Grundlage jeder Begutachtung ist die klinische neurologische Untersuchung, in der eine gezielte Testung motorischer, sensibler, koordinatorischer und kognitiver Funktionen erfolgt. Durch die genaue Kenntnis neuroanatomischer Strukturen kann eine Korrelation zwischen einer Verletzung und einer möglichen Beteiligung des Nervensystems und entsprechender Funktionen nachgewiesen oder widerlegt werden. Ergänzend zur klinischen Einschätzung kommen zur Objektivierung von Befunden zahlreiche etablierte Untersuchungsverfahren zur Anwendung.

Elektroneurographie und Elektromyographie

Schädigungen im Bereich des peripheren Nervensystems werden dargestellt durch eine Kombination aus Elektroneurographie („Nervenleitungsmessung“) und Elektromyographie (EMG). Bei der Neurographie wird ein motorischer oder sensibler Nerv an verschiedenen Stellen mit einem leichten Stromreiz stimuliert, durch die Ableitung an einem Muskel oder an einem Hautareal können die Intensität und Geschwindigkeit der Nervenleitung gemessen werden. Hierdurch kann eine Aussage zu einer möglichen Nervenschädigung und zur Lokalisation einer Schädigung getroffen werden. Ein unfallunabhängiges Karpaltunnelsyndrom als Ursache einer Sensibilitätsstörung lässt sich so belegen.

Bereits wenige Tage nach einer Schädigung eines Nervs kommt es zu einem Umbau in der durch den Nerv versorgten Muskulatur. Diese Veränderungen sind durch die Elektromyographie darzustellen – der Muskel wird durch eine Nadelelektrode punktiert und das Signal abgeleitet. Diese Methode eignet sich sehr gut für eine Aussage zum Alter einer Schädigung, da das Muskelpotential sich über die Zeit verändert. Alte und frische Schädigungen können so zuverlässig voneinander unterschieden werden, etwa eine alte unfallunabhängige Nervenschädigung durch einen Bandscheibenvorfall von einem Unfallschaden. Zudem gelingt hiermit auch eine Abgrenzung möglicherweise vorgetäuschter Paresen.

Evozierte Potentiale und EEG

Als Ergänzung zur Untersuchung des peripheren Nervensystems, vor allem aber zur Beurteilung zentraler Funktionen dienen evozierte Potentiale. Hier wird die Verarbeitungsgeschwindigkeit eines sensiblen, visuellen, akustischen oder motorischen Reizes gemessen, wodurch zum Beispiel die Leitung im Bereich des Rückenmarks nach einer Wirbelsäulenverletzung oder beklagte Seh- oder Hörstörungen nach einem Schädelhirntrauma objektiviert oder widerlegt werden können.

Funktionsstörungen des Gehirns, wie sie zum Beispiel nach einem Schädelhirntrauma auftreten können, sind oft komplex. Neben motorischen und sensiblen Störungen kann es zu Störungen der Merkfähigkeit, Konzentration oder auch zu einer Veränderung der Persönlichkeitsstruktur kommen. Mittels einer Elektroenzephalographie (EEG), bei der die Hirnaktivität mithilfe von 21 über den Kopf verteilten Elektroden abgeleitet wird, gelingt es, umschriebene Funktionsstörungen darzustellen. Zudem können durch eine Vielzahl spezifischer Testverfahren kognitive Störungen validiert und zum Beispiel von einer Störung im Rahmen einer depressiven Symptomatik abgegrenzt werden.

Ultraschalldiagnostik

Neben den oben beschriebenen neurophysiologischen Untersuchungsverfahren gehört auch die Ultraschalldiagnostik der Halsgefäße (extrakranielle Duplexsonographie) sowie der Gefäße im Gehirn (transkranielle Duplexsonographie) zum neurologischen Repertoire. So können zum Beispiel posttraumatische Gefäßschädigungen (beispielsweise die Dissektion, also der Einriss einer Arterie) oder unfallunabhängige Gefäßpathologien (Einengungen, Gefäßanomalien) bildgebend ohne Strahlenbelastung dargestellt werden.

Zusammenfassend liefert eine umfassende neurologische Begutachtung eine Vielzahl wichtiger Informationen zur Beurteilung einer unfallbedingten Schädigung und kann entscheidend sein für die Abgrenzung gegenüber unfallunabhängigen Vorschädigungen. ///

Dr. med. Marius Fischer erstellt seit vielen Jahren fachneurologische Gutachten für das Institut für Medizinische Begutachtung bei ACTINEO, das standardmäßig fachärztliche Bewertungen für die objektive Einschätzung von Unfallfolgen heranzieht. Im Rahmen der Dauerschadeneinschätzung spielt die neurologische Beurteilung – insbesondere bei Funktionsbeeinträchtigungen der Gliedmaßen – eine wichtige Rolle. www.neurologie-im-weyertal.de

Foto: Neurologie im Weyertal/Stefan Schilling