07.02.2018

Die Schnittbilddiagnostik in der Schadeneinschätzung

Die medizinische Einschätzung von Unfallfolgen bestimmt den Ausgang eines Schadenfalls entscheidend mit. Doch ist die Achillessehnenruptur tatsächlich unfallkausal oder ist sie auf eine bereits vor dem Unfall bestehende Erkrankung zurückzuführen? Moderne Untersuchungsverfahren stellen einen wichtigen Baustein der Beurteilung von Vorinvalidität dar, sagen Prof. Dr. med. Harald Meier, Leiter des Instituts für Medizinische Begutachtung bei ACTINEO, und Dr. med. Ulrich Müller-Lung, Facharzt für Radiologie, Köln.

Die differenzierte Feststellung der Invalidität hat weitreichende Folgen für den Schadenersatz. Unfallversicherer gewähren Invaliditätsleistungen für Dauerfolgen eines eingetretenen Unfalls, sind jedoch nicht für eine dauernde Funktionsstörung, die bereits zuvor bestanden hat, zuständig. Es liegt beim Unfallversicherer, eine Vorinvalidität zu beweisen. Er muss also den Nachweis führen, dass eine dauernde Beeinträchtigung körperlicher oder geistiger Funktionen bereits vor dem Unfall vorgelegen hat. Das bedeutet, dass objektive Befunde aus der Zeit vor dem Unfall als Basis für den Nachweis von Vorinvalidität herangezogen werden sollten.

Unverzichtbare Diagnoseinstrumente

Für die Überprüfung der objektiven Befunde steht eine Reihe diagnostischer Verfahren zur Verfügung, die sich in den vergangenen Jahren stetig weiterentwickelt haben. So hat sich die Schnittbilddiagnostik mit bildgebenden Verfahren wie Magnetresonanztomografie (MRT) und Computertomografie in der Vergangenheit für diese Fragestellung bewährt und ist zu einem unverzichtbaren Instrument für die Beurteilung einer möglichen Vorinvalidität geworden. Die Vorinvalidität wird dabei allerdings nur so weit berücksichtigt, als der Unfall Körperteile oder Sinnesorgane betroffen hat, deren Funktionen zuvor dauernd beeinträchtigt waren: Ein früherer Oberarmbruch gilt etwa nur dann als Vorschaden, wenn im Falle einer erneuten Verletzung desselben Armes ein Unfallschaden eintritt. Diese Vorinvalidität ist nach den gleichen Maßstäben zu bemessen wie die Dauerfolgen eines Unfalls. Das heißt, dass sich die unfallbedingte Invalidität und die Vorinvalidität funktionell überschneiden.

Keine Mitwirkung bei altersbedingten Veränderungen

Neben der Vorinvalidität stellt die sogenannte Mitwirkungsregelung einen wesentlichen Faktor der Versicherungsleistung dar. Haben Krankheiten oder Gebrechen an der durch ein Unfallereignis hervorgerufenen Gesundheitsschädigung oder deren Folgen mitgewirkt, so wird die Leistung entsprechend dem Anteil der Krankheit oder des Gebrechens gekürzt.Das gilt allerdings nur, wenn dieser Anteil mindestens 25 Prozent beträgt. Ein Beispiel für die Mitwirkung an den Gesundheitsschäden sind etwa Meniskusschäden bei vorbestehenden degenerativen Veränderungen, sogenannten Texturstörungen, oder eine Achillessehnenruptur bei erheblichem Sehnenverschleiß. In diesen Fällen sind Leistungskürzungen zulässig. Für altersbedingte Veränderungen gelten die Mitwirkungsbestimmungen hingegen nicht. Es spielt dabei keine Rolle, ob der Versicherte Kenntnis von seiner Krankheit hat, ob er sich krank fühlt oder ob die Krankheit zu erkennbaren Funktionseinbußen geführt hat. Allein ausschlaggebend für eine Leistungskürzung ist, ob eine Krankheit mit einem Anteil von mindestens 25 Prozent an der durch den Unfall verursachten Invalidität mitgewirkt hat.

Objektive Abklärung

Die objektive Abklärung der Veränderungen im Sinne einer vorzeitigen Texturstörung spielt bei der Invaliditätsbegutachtung eine entscheidende Rolle. Degenerative Veränderungen, die einen über die altersbedingten Veränderungen hinausgehenden Verschleiß darstellen, gelten stets als Krankheit im Sinne der Allgemeinen Unfallversicherungsbedingungen (AUB). Es stehen mit den modernen Untersuchungstechniken wie der Kernspintomografie Verfahren zur Verfügung, die eine Beurteilung der knöchernen Strukturen, des Bandapparates, der Sehnen und Ansatzgebiete sowie der nervalen und muskulären Elemente zulassen. Durch die Weiterentwicklung der technischen Feinheiten und Besonderheiten dieser Verfahren können zuverlässige Aussagen zu Diagnosen sowie vorhandenen Vorerkrankungen bei der Schadenbearbeitung gemacht werden. Besonders bei neuralgischen Punkten von Verletzungsmustern wie dem Schulter-, Knie-, Ellenbogen- und Hüftgelenk sowie der Wirbelsäule leistet hochspezifische Schnittbilddiagnostik einen wichtigen Beitrag zur Beurteilung von Vorinvalidität und zur Berücksichtigung der Mitwirkungsregel.

Foto: Hellerhoff unter CC BY-SA 3.0